Reisefotografin Veronika Picmanova, München (D)
06. August 2010

Reisefotografin Veronika Picmanova, München (D)

Veronika Picmanova, in Prag geborene und in München lebende Fotografin - hat soeben ihr Buch "Afghanistan Sehen & Leben" bei Addison-Wesley veröffentlicht. In ihren faszinierenden Alltagsbildern gelingt es ihr - eine andere und unverstelltere Sicht auf den Lebensalltag der Menschen in Afghanistan zu zeigen. Wir haben uns mit ihr zum Interview getroffen und freuen uns, sie als "Kreative der Woche" vorstellen zu können.

 

Hallo Veronika, wie Du bemerkt hast, ist die Frauenquote ist unseren "Kreative/r der Woche" Vorstellungen im Moment noch etwas niedrig. Deshalb freuen wir uns umso mehr, Dich diese Woche als "Kreative der Woche" vorstellen zu können. Kannst Du Dich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Veronika Picmanova, ich bin 1977 in Prag geboren und lebe seit meinem siebten Lebensjahr in Deutschland, genauer gesagt in München. Nach meinem Abitur habe ich erstmal beim Fernsehen als Kameraassistentin angefangen bevor ich einige Fotografiekurse an der Europäischen Akademie für bildende Kunst in Trier besuchte. Danach wirkte ich bei einigen Filmen der HFF (Hochschule für Film und Fernsehen) mit, u.a. als Still Photographer. Später habe ich meine Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton absolviert. 
Im Jahre 2005 bot sich mir die Möglichkeit, im Auftrag der Deutschen Welle, afghanische Techniker beim staatlichen Fernsehen RTA (Radio Television Afghanistan) für die ersten internationalen Nachrichten nach dem Fall der Tailban auszubilden. Im Anschluss arbeitete ich als Leiterin eines Medienteams für die internationale Schutztruppe der NATO (ISAF). Zwischendurch veranstaltete ich meine erste Fotoausstellung zum Thema Afghanistan in München. Weitere folgten, u.a. auch in Afghanistan. Im Oktober diesen Jahres brachte ich mein erstes Buch „Fotoreportage: Afghanistan Leben & Sehen“ heraus. Ein Mix aus Biografie, Bildband und Foto-Fachbuch.

Worin liegt der Schwerpunkt Deiner Arbeiten?
Auf dem Gebiet der Fotografie liegt mein Schwerpunkt bei der Fotoreportage und Portraits. Beim Fernsehen liegt er bei Kamera + Schnitt und dem dazugehörigen Training.

Du bist ja einige Zeit als Foto-Journalisten in Afghanistan gewesen - wie ist es dazu gekommen?
Neben meiner Arbeit für RTA und ISAF habe ich einfach meine Fotokamera in die Hand genommen und meine persönlichen Eindrücke und Geschichten abgelichtet, in Form von Reportagen. Aber aus der Sicht einer Person, in meinem Fall einer Frau, die länger in diesem Land war als nur ein paar Wochen oder Monate. Einer Person, die in diesem Land „ganz normal“ den Umständen entsprechend gelebt und gearbeitet hat. In dieser Situation erlebt man dieses Land völlig anders als es ausländische Reporter, die meistens nur für ein bestimmtes Thema vor Ort sind,  in ihrer kurzen Zeit jemals erleben könnten. Dementsprechend sind auch die Bilder und ihre Geschichten. Sie sind anders.

Was ist Dir bei Deinen Arbeiten wichtig?
Der Umgang mit Menschen und die Gestaltungsfreiheit mit der (Foto)Kamera bzw. beim Schnitt. D.h. aber nicht, dass man diese Freiheit auch immer in der Praxis auch hat.

Wie muß man sich das Arbeitsumfeld dort vorstellen? Vermutlich warst Du ja nicht auf eigene Faust unterwegs, sondern warst mit einem Team unterwegs, wer hat Dich begeleitet?
Während meiner Zeit beim Staatsfernsehen war ich immer in männlicher Begleitung unterwegs und die meiste Zeit auch mit einem Fahrer inklusive Auto. Als Ausländer, besonders als Frau, sollte man sich auf keinen Fall alleine auf den Straßen Afghanistans bewegen. 2005 als die Lage am Hindukusch noch relativ friedlich war, konnte man als Ausländer immerhin noch teilweise einige Strecken zu Fuß laufen. Das hat sich jedoch mit den Jahren und der sich verschlechternden Sicherheitslage stark geändert. Heutzutage ist das völlig undenkbar. Selbst eine Strecke von 200m wird mit dem Auto zurückgelegt.
Als ich für die ISAF tätig war und somit als Zivilistin viel mit der Arbeit der Soldaten dokumentarisch zu tun hatte, war natürlich auch das Militär mein Begleiter bzw ich habe das Militär begleitet.

Hoffentlich nicht zu klischeehaft die Frage aber - Frau und Afghanistan: war es für Dich als Fotografin leichter, Zugang zur Bevölkerung zu bekommen oder war es manchmal komplizierter und schwieriger?
Den Zugang zur Bevölkerung leichter zu bekommen lag daran, dass ich als Zivilistin vor Ort war und mitten unter den Afghanen gelebt habe. Nicht abgeschottet in  einem der bewachten Gästequartiere oder Nobelhotels.
Als Frau hatte ich definitiv den besseren Zugang zu afghanischen Frauen und war gegenüber meinen männlichen Kollegen in dieser Hinsicht klar im Vorteil. So ziemlich der einzige Vorteil, den man als (westliche) Frau in Afghanistan hat.

Gab es auch Momente, in denen es gefährlich wurde oder Du gemerkt hast "Hier sollte ich jetzt besser nicht sein"?
Ja. Wir waren gerade von unserem Schnittstudio auf dem Weg zu unserem Fahrer, da er genau an diesem Tag nicht auf´s Fernsehgelände mit seinem Auto fahren durfte, als sich in der Parallelstraße ein Pulk von Menschen zu einer Demonstration zusammenbraute. Es war eine Strecke von gerade mal 20 Metern aber uns wurde der Weg zum Auto von herbeieilenden Polizisten abgeschnitten, die uns  zu unserer „Sicherheit“ ins nächstgelegene Wachhäuschen verfrachteten. Jetzt muss man aber wissen, dass sich ein Mob in Kabul nicht durch ein Wachhäuschen aufhalten lässt wenn es im Weg steht. Zur Not wird es angezündet und der Mob marschiert weiter.
Glücklicherweise zogen die Demonstranten an unserer Straße vorbei und wir durften dann ins Auto verschwinden. Aber ich glaube, das waren die längsten 7 Minuten meines Lebens!

Dein Buch zeigt einen unverstellten Blick auf die afghanische Bevölkerung. Im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihr Alltag und weniger der Krieg und die Zerstörung. Wann ist Dir die Idee zum Buch gekommen?
Ein Bekannter hat meine Bilder gesehen, ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt ob ich mir vorstellen könnte ein Buch darüber zu machen. Das Resultat halte ich nun in meinen Händen.

Gibt es ein Lieblings-Bild und was ist die Geschichte dazu?
Ich habe viele Lieblingsbilder und mein „persönlicher Drachenläufer“ auf seinem Hausdach (S.29) gehört definitiv dazu.
Er war unser Nachbarsjunge (ich habe damals in einem afghanischen Viertel gelebt) und ein Sikh, also eigentlich kein „echter“ Afghane. Im Winter haben wir uns eine große Schneeballschlacht geliefert, wobei er klar im Vorteil war, da sein Dach höher lag als unser Balkon.
Diese Unbefangenheit zwischen uns, also dem Einheimischen und dem Ausländer, mitten in Afghanistan…unbeschreiblich.

Gibt es ein Foto-Projekt, das Du gerne umsetzen möchtest?
Eine Foto-Reportage über die Ralley Dakar auf dem Motorrad. Es muss sich „nur“ noch ein Sponsor finden…

Wenn Du die Brücke schlägst zum jetzt - wie hat Dich die Zeit in Afghanistan geprägt oder verändert?
Ich bin stärker und gelassener geworden. Wenn man nach dieser Zeit wieder zurück in das „normale“ Leben nach Europa kommt, sieht man Probleme und (Lebens)Situationen viel entspannter. Teilweise fragt man sich nur: „und das soll ein Problem sein?“

Wo kann man Deine Bilder demnächst sehen?
Momentan ist April – August  2010 im Schloss Oranienstein in Diez an der Lahn mit anschließender Wanderausstellung geplant. Details folgen!

Veronika, wir werden auf jeden Fall über Deine Ausstellung berichten und sagen Danke für das Interview und Deine Zeit!

Zusatz zum Interview:
Homepage: www.veronika-picmanova.de (Infos, Termine +…)
Blog: http://picmanova.blogspot.com
Video: http://www.youtube.com

Autor: Redaktion
Tags: Kreativer der Woche

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